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Vortrag zur Eröffnung der Helen-Ernst-Ausstellung am 3.11.2000 in Putbus

Sehr geehrte Frau Dr. Jacobeit, sehr geehrter Herr Bürgermeister, meine Damen und Herren, liebe Rüganer Freundinnen und Freunde von Helen Ernst,

was haben Putbus und Amsterdam gemeinsam? Ich kann es Ihnen sagen: In beiden Städten faden mehr als eine Personalausstellung von Helen Ernst statt. Denn schon im heißen Monat Oktober 1989 hatte ich die Ehre, bei der Eröffnung der ersten Putbuser Helen-Ernst-Ausstellung in der Orangerie zu sprechen. Und meine damalige Ansicht, daß es aufrechte Deutsche wie Helen Ernst in Deutschlands schlimmster Zeit waren, die für niederländische Widerstandskämpfer Vorbilder wurden, hat sich bei den weiteren Nachforschungen im vereinten Deutschland, in der Schweiz, in Frankreich und vor allem in den Niederlanden bestätigt.

Helen Ernst wie der Dresdener Maler Hans Grundig waren keine Freunde großer Worte. Als es aber über die Schmerzgrenze hinaus ging und Helen Ernst Ende 1947, also zweieinhalb Jahre nach der Befreiung noch immer der Kollaboration mit der SS im Lager Ravensbrück von den eigenen Leuten bezichtigt wurde und sie zu zerbrechen drohte, fand Hans Grundig angemessene Sätze, die heute etwas pathetisch klingen, doch nach meiner Auffassung die richtigen Worte zur rechten Zeit waren. Vielleicht muß man hinzusetzen, daß Helen Ernst nach mehrmaliger Inhaftierung 1933in Berlin und Kiel und 1940 in Amsterdam nichts mehr von ihrem künstlerischen Werk, das sie vollständig vernichtet glaubte, in den Händen hatte.

Zitat - Hans Grundig:

"Frau Helen Ernst ist mir seit 1932 bekannt. Durch ihre künstlerische Arbeit angezogen und interessiert sind meine Frau Lea-Langer-Grundig und ich bis heute mit ihr befreundet. Immer war ihre künstlerische Leistung und Intensität Ansporn und Bestätigung meiner eigenen künstlerischen Aufgabe, welche ich darin sah, der unterdrückten Menschheit im Kampf um den Sozialismus und Menschlichkeit beizustehen. Alle Zeichnungen und graphischen Blätter der Helen Ernst sind Ausdruck dieses gemeinsamen Kampfes, und ich habe in ihr als Künstlerin bis auf heute immer eine der ganz seltenen, starken Nachfolgerin der mir hochverehrten Käthe Kollwitz gesehen.

Ich weiß, dass Helen Ernst für die Rote Hilfe gemalt und gezeichnet hat; wie jede gute Genossin hat sie sich nicht gescheut, Kleinarbeit ... zu machen, ...

Zeichnungen für Betriebs- und Wandzeitungen sind entstanden neben einem zeit- und gesellschaftskritischen Werk von großer Bedeutung. Zu den Anschuldigungen, welche man ihr in Bezug auf ihr Lagerverhalten in Ravensbrück macht, kann ich als ODF und Künstler folgendes sagen und bitten, dasselbe zu bedenken.: Dass es für einen sogenannten Intellektuellen und Künstler von vornherein in jedem Lager schwer war, Vertrauen zu finden. Sprache und Verhalten sind verschieden wir Bildung und gegenseitige Interessen, und hatte man nicht das Glück, sofort Bekannte und Genossen anzutreffen, welche die Bürgschaft übernahmen, mußte jeder dieser Unglücklichen lange, oft zu lange in einer Atmosphäre des Misstrauens leben, und mancher ist daran zu Grunde gegangen.

... Ich selbst bürge für Helen Ernst, für ihre fortschrittliche kämpferische Haltung; ihre menschliche Haltung braucht für mich keine weitere Bestätigung." Soweit das Briefzitat von Hans Grundig. Das war keine Blanko-Erklärung. Kurz zuvor hatten sie sich nach 14 Jahren Trennung wiedergesehen, nachdem sie in Ravensbrück und Sachsenhausen die Hölle auf Erden erlebt und durchlitten hatten.

Wir haben es bei Helen Ernst mir einer Frau zu tun, die in der Zeit der Weltwirtschaftskrise am Vorabend des deutschen Faschismus als junge bürgerliche Frau Sozialistin, die sich der KPD anschloß, wurde und erkannte, daß man etwas tun muß, um den Faschismus, mit dem sie mannigfach im Berliner Alltag in Berührung kam, aufzuhalten und um einen neuen Krieg zu verhindern. Denn sie sah ja, um mit einem Wort von Pablo Neruda zu sprechen, "das Blut auf den Straßen". Und ihren Kampf gegen die Braunen wollte sie vor allem mit ihren Mitteln als Zeichnerin und führen. Man sehe sich unter den engagierten Frauenkünstlerpersönlichkeiten in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts um. Es waren nicht viele Frauen, die mit solchem Anspruch antraten. Wenn Hans Grundig dann noch einen Namen wie den von Käthe Kollwitz nannte - einer Frau, die wie wenig andere die Not des Volkes sah und zeichnete und leidenschaftliche Gegnerin aller Waffengewalt war - und Helen Ernst in diese Traditionslinie stellte, dann müßte doch das öffentliche Interesse an solch wunderbarer Frau und ihrem wieder entdeckten Werk ziemlich groß sein. Dem ist allerdings nicht so. Weder gestern noch heute. Jahrzehnte nach ihrem Tod war es sehr still um sie. In der DDR war sie als sogenannte proletarisch-revolutionäre Künstlerin mit 12 Zeichnungen bekannt und geehrt, doch es bestand wenig Interesse an ihrer Vielseitigkeit und vor allem ihrem tragischen Lebensschicksal. Als realistische Künstlerin wurde sie in der alten Bundesrepublik vor 1089 überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Ich betreibe seit 1985 individuell Nachforschungen zu Helen Ernst. Seit der großen Ausstellung von 1994 in Berlin-Charlottenburg im Verborgenen Museum - verborgen deshalb, weil Kunst von Frauen oft nicht ausgestellt wird, als im Verborgenen bleibt - und im Widerstandsmuseum in Amsterdam - und dem Katalog mit einer ersten Biographie ist ihr Bekanntheitsgrad etwas größer geworden. Dem dient auch die neue Ravensbrücker Helen-Ernst-Ausstellung, die wir Ihnen hier nach Putbus gebracht haben. Hier sind viele nach 1994 in Holland gemachte Neuentdeckungen und einige Ravensbrück-Blätter von Helen Ernst erstmalig ausgestellt. Ihrer Aufmerksamkeit empfehle ich auch die sogenannte Pinnwand, draußen vor der Tür mit den Lebensdokumenten und der Dokumentation über das Schweriner VVN-Verfahren gegen sie von 1946 bis 1948.

Als Helen Ernst 2 Jahre alt war, kam es wegen ihr 1906 in Athen zu einem Skandal. Otto Ernst, ihr Vater, Sekretär auf dem deutschen Konsulat, hatte seine deutsche Hausangestellte geschwängert, nahm nach der Geburt der Mutter das Mädchen brutal weg und wurde deshalb von einem Amtskollegen wegen Unmoral angeklagt. Nach einem Verfahren wurde er nach Zürich strafversetzt. Helen wuchs ohne Mutterliebe auf und ihr erstes Kindermädchen war übrigens die blutjunge Elsa Fock, die aus Altkamp auf Rügen stammte und in Greifswald aufgewachsen war. Der Vater achtete auf ihre musische Erziehung, muß aber sehr streng gewesen sein, denn er schlug sein Kind und es fürchtete ich. Später ging sie ganz auf Distanz zu ihm und mit ihm auch das bürgerliche Deutschland. Er wollte auch ihr eine Kaisertreue machen und erreichte das Gegenteil.

Und dann lernte ein 18jähriges, hochgebildetes Mädchen seine verschollene Mutter kennen, die als Arbeiterin einer Braunschweiger Fabrik im Elend lebte. Diese Begegnung erschütterte beide und brachte eine soziale Saite bei Helen Ernst zum Klingen, die lebensbestimmend wurde. Und in ihrem auch hier ausgestellten Werk - finden sich immer wieder Darstellungen von einfachen Frauen, die aufbegehren, sich wehren und ihr Schicksal nicht widerstandslos hinnehmen.

An einer Berliner Kunstakademie hatte Helen Ernst Zeichenlehrerin gelernt, Abschluß 1924 mit 20 Jahren. Unter den Studierenden gab es Linke bis ganz Rechte. Ein Studienfreund war Hans Schweitzer, der für den "Völkischen Beobachter" bald furchtbare antisemitische Karikaturen unter dem Pseudonym Mjölnir veröffentlichte und als Fachmann für Sichtagitation rechte Hand von Hitlers Propagandaminister Goebbels wurde. Schweitzer war nach 1945 ein geachteter Buchillustrator in der Bundesrepublik. Die Träume einer Helen Ernst gingen in eine andere Richtung. Angezogen von den kühnen Ideen und der avantgardistischen Kunst des neuen Rußlands, hoffte sie auf einen brüderlichen Sozialismus mit menschlichen Antlitz. Das einte sie auch mit ihrem ersten Ehemann, den auch Stettin stammenden, in Stralsund, Hamburg und später in Deidesheim wirkenden Bühnenbildner, Maler und Zeichner Wolf Hildebrandt, von dem Sie hier in Putbus in der Orangerie - aus den Sammlungen von Barbara und Heinz Nied - eine größere Ausstellung erleben können.

Vorerst wurde sie Lehrerin für Mode und entwarf für die berühmten Berliner Film- und Theaterbälle der "goldenen" zwanziger Jahre Kostüme. Sie können in der Ausstellung Proben jener gewagten Entwürfe sehen, die ihres Gleichen suchen. Nachdem durch die Weltwirtschaftskrise die Not des Volker schlimmer und sie wegen politischer Differenzen Schwierigkeiten bekam, hatte sie es satt, ausschließlich zur Belustigung der Besserverdienenden zu arbeiten. Innerhalb von Monaten machte sie seit Anfang 1930 eine erstaunliche künstlerische Entwicklung durch. Sie schuf soziale Grafiken und wollte künstlerische Chronistin der Arbeiterbewegung werden. Sie betreute über die Rote Hilfe auch politische Gefangene und reiste in die Künstlerkommune "Fontana Martina" in der Südschweiz und nach Paris, wo sie künstlerische Spuren hinterließ. Und an einigen Zeichnungen ist abzulesen, wie sie die gewalttätigen Nazis verachtete. Lange vor 33. Speziell einen mit einem gestutzten Bart, dem die Deutschen bald zu Millionen zujubelten.

Helen Ernst war in dieser Zeit von einer sinnlichen Weiblichkeit, der die Männer zu Füßen lagen. Der Maler Hans Grundig, der schon 1936 das brennende Dresden malte, sah tiefer und malte 1934 eine verfolgte Helen Ernst, die bald Schlimmes erleben sollte. Es scheint, als sehe sie auf dem Porträtgemälde schon die späteren Greuel von Ravensbrück.

Helen Ernst hatte einen Hang zu Depressionen und eine Anziehungskraft für Unglück. Und doch: sie ließ sich selten gehen, fand neuen Lebensmut und danach entstanden beklemmende Zeichnungen. Über ihre 3monatige Haft im Berliner Frauengefängnis 1933 entstand in Zusammenarbeit mit einer niederländischen Schriftstellerin ein Dokumentarroman mit eindrucksvollen Zeichnungen. Im Sommer 1934 war die von Danzig mit einem Frachtschiff zur Ausstellungseröffnung nach Utrecht gereist. Was anfangs als Ausflug nach Holland gedacht war, wurde dann doch Emigration, aber keine Flucht Hals über Kopf. Schon im November 1934 lieferte sie für eine KZ-Spezialnummer einer Illustrierten bestürzende Zeichnungen über die deutschen Zustände, signiert mit dem Pseudonym Skorpio. Bald bekam Helen Ernst eine Arbeitserlaubnis als Lehrerin an der Amsterdamer Neuen Kunstschule, später hatte sie sogar ein eigenes Kunststudio. Das Wirken an dieser Schule, deren Vorbild das Dessauer Bauhaus war, und das Illustrieren von Weltliteratur wie von Heinrich Heine, Iwan Gontscharow oder Michail Lermontow wurden ihr Broterwerb.

Ohne Honorar lieferte sie in dieser Zeit rund 650 Pressezeichnungen für "Het rusland van heden", der Zeitschrift der niederländischen Freunde der Sowjetunion. Darunter sind Zeichnungen zum Zeitgeschehen, auch propagandistisch Geschöntes über die UdSSR, aber wiederum Literatur-Illustrationen sowie Arbeiten für Mode- und Kinderseiten. Auch an der berühmten antifaschistischen Amsterdamer Ausstellung "Die Olympiade unter der Diktatur" von 1936, deren Rekonstruktion 1996 auch im Berliner Ephraimpalast gezeigt wurde, war Helen Ernst vertreten. Unbedingt muß ihr Mut erwähnt werden, denn sie unternahm von Amsterdam ohne Auftrag mehrere illegale Reisen nach Deutschland. Darüber berichtete sie der antifaschistischen Paetel-Gruppe in Paris, wo sie mit Hitlergegnern aller Coleur aus der Emigration und Angereisten aus Hitlerdeutschland zusammenkam. Sie war also - soweit es ging - aus eigener Anschauung bestens informiert.

In Berlin wie später in Amsterdam ging Helen Ernst bewußt in Nachtlokale, um sich zu amüsieren und später das ausgelassene und frivole Gesehene zu zeichnen. Als Anekdote ist überliefert, daß ein von ihr erdachtes und getragenes Faschingskostüm ausgezeichnet wurde. Aus drei Herrentaschentüchern band sie sich ein mehr als spärliches Gewand zusammen, dessen Knoten plötzlich mitten auf dem Tanzboden aufgingen. Mit lauten Juhu enteilte sie dann den Bekleideten. Hinter solcher überschwenglicher Ausgelassenheit verbarg sich aber ein oft niedergeschmetterter und innerlich zerrissener Mensch, der trotz vieler Bekannter oft einsam war. Schnell schloß sie Kontakte, doch sie hatte wenig echte Freundschaften. Menschen, die ihr nahe standen, beschreiben sie so:

Helen Ernst liebte aus tiefem Herzen einfache, ursprüngliche Menschen, denen sie helfen wollte. Zugleich lebte und liebte sie das Leben einer eleganten Frau mit schönen Kleidern und hatte auch nichts gegen Luxus. Sie war zugleich sehr kompliziert und außerordentlich natürlich, glich einem Prisma mit vielen Gesichtern und hielt sich für eine verhinderte Schauspielerin. Sie besaß eine große Integrationskraft und saß zwischen allen Stühlen. Sie hatte starke Seelenkräfte und war sehr empfindsam, instabil und auffallend nervös. Leichtlebig wie gesellig und einsam, war sie auf der ständigen Suche nach dem idealen Partner. Sie erregte Aufsehen, Neid und Eifersucht, war anregend elektrisierend und genoß es, im Mittelpunkt zu stehen. Sie war eine sehr reiche und eine sehr arme Frau, begehrt, unruhig, abergläubisch, klug, ironisch, zuverlässig.

Und so eine widersprüchliche und hochsensible Künstlerinnenpersönlichkeit wie Helen Ernst, die ihre Gegensätze mit Arbeit und Aktivsein auszugleichen und abzureagieren suchte, verschlug es unter die Ausnahmebedingungen eines mörderischen Konzentrationslagers, aus dem kein Entrinnen schien. Dort zog sich die innerlich tief Verletzte in sich selbst zurück, galt als überheblich, war auch Anweisungshäftling in der Kleiderkammer und der Malerkolonne. So kamen dann die Gerüchte auf.

Zum Schluß möchte ich noch auf zwei Fragen eingehen. Ich meine, wie ich dazu kam, Licht um das Dunkel um Helen Ernst zu bringen. Doch zuerst möchte ich über Helen Ernst und Mecklenburg-Vorpommern berichten und darüber, warum Helen Ernst auf Rügen begraben sein wollte. Im Herbst 1933 erhielt eine erschöpfte Helen Ernst von Pastor Friedrich Sieg die Einladung, sich bei seiner Familie zu erholen. Und so kam sie in das Pommersche Clatzow in der Nähe von Altentreptow, wo sie über ein halbes Jahr blieb, bevor sie über Danzig nach Holland ausreiste. Bei den Siegs fand sie. war sie nie hatte, doch immer wünschte, ein wärmendes Familienleben. Fritz Sieg ließ sich im Mai 1937 nach Groß Zicker versetzen. Helen Ernst wurde Ende 1940 von den Nazis in Amsterdam verhaftet und in das Frauen-KZ Ravensbrück deportiert. Ende 1944 kam sie in das Nebenlager Barth an der Ostsee und erlebte - nach einem Todesmarsch - am 1. Mai 1945 in Ribnitz-Damgarten ihre Befreiung. Deutsche Ravensbrückerinnen, Helen Ernst war ihre Dolmetscherin, schlossen sich befreiten Franzosen an und zogen mit Pferd und Wagen, an dem eine zerfledderte Trikolore flatterte, durch Mecklenburg über Güstrow in Richtung Schwerin. Dort verabschiedeten sich die Franzosen, und die Frauen zogen weiter nach Crivitz. In den Wäldern um Crivitz waren die Häftlinge der Todesmärsche aus Ravensbrück und Sachsenhausen von der Roten Armee befreit worden. Wie andere Häftlinge, die kein zu Hause mehr hatten, blieb Helen Ernst in Crivitz und zog dann mit ihrem späteren zweiten Ehemann, den Sachsenhausener, einem Tischler und SED-Funktionäre Paul Beckmann nach Schwerin. Er hat seine Frau in ihrer Not nicht unterstützt. Denn es tauchten bald alte Ravensbrücker Gerüchte auf, sie hätte mit der SS zusammengearbeitet. Das gegen sie von der VVN angestrengte und verzögerte Verfahren untergrub ihre Lebenskräfte.

Ihren Seelenzustand schilderte sie Anfang Oktober 1947 in einem Brief an Hans Grundig: Hier einige Auszüge.

"Wo stehe ich heute. Im Leeren ... Ausgebrannt, seelisch ausgehungert, stumpf und ohne Glauben an meine künstlerische Kraft. Ich schäme mich tief und ganz offen sage ich dir, am meisten schäme ich mich, daß ich zu feige bin, Schluß zu machen. ... Ich habe, Hans, du kennst mich, in der Emigration nur für die Bewegung gelebt und gearbeitet. Einer Partei war ich nicht verbunden. Es ging auch so, ich hatte ein paar sehr gute Ausstellungen. Ich war fleißig, arm und tapfer ...

Als ich (aus dem KZ) heraus kam, brach ich mir fast alle Knochen, ich dachte, nie mehr kannst du zeichnen. Ich schrieb mich ab ...

Dann heiratete ich. Einen Menschen, der damals dasselbe trug wie ich. Die Last der gestohlenen Jahre. Heute, wo wir oder die meisten von uns wieder zu uns selbst kommen, ist die Maske gefallen. Er ist ein kleiner beschränkter Mensch, dessen Sehnsüchte um den gefüllten Topf, ein wenig politische Macht und eine brave häuslich muffige Atmosphäre kreisen. Er schlägt mich, lacht über meine Arbeit, hat Minderwertigkeitskomplexe, weil ich klüger bin und beutet mich aus. Hinzu kommt, daß eine oder zwei Frauen behaupten, ich hätte im KZ eine schlechte Rolle gespielt. ... Man hat mir meinen O.d.F. Ausweis abgenommen im Juni 46 und beschlossen, diese Aussagen nachzuprüfen. Seit dieser Zeit aber geschah nichts. dies ist für mich, die dies alles zu schmutzig, dumm und gemein fand zuerst negiert worden, nun aber unterhöhlt es meine ganze Existenz. Verschiedene Leute kämpfen für mich. Für mich, die des Kampfes müde ist. ...

Ich lebe so dahin und verkomme innerlich. Ausgeliefert einer kleinen Clique, die sich anmaßt über mich zu urteilen ohne nur den geringsten Anhaltspunkt zu haben. ...

Nun habe ich doch geredet. Soll ich wirklich sagen, seit 16 Jahre setze ich aufs falsche Pferd? Das kann man doch nicht! Aber ich verliere mich ganz aus den Augen, ich weiß schon bald nicht mehr, ob ichs mir nur einbilde, einmal Helen Ernst gewesen zu sein.

1945 gab man mir 32 Jahre - lebe ich noch 1 Jahr so weiter - sehe ich aus wie 55 ...

Verzeih, daß ich diesen Mist vor dir ausschütte und glaub mir, ich tue es nur, weil ich schon ganz stumm geworden bin vor stillem Entsetzen. Ach, löste mir einer die Zunge oder die Hand - ich bin so voller Bilder und sie erdrücken mich ...

Ich denke manchmal in klaren Augenblicken, voll tiefer Sehnsucht nach einem Leben hin, wo Menschen gütig und verstehend miteinander reden."

So weit der Briefauszug. Ähnliche Briefe erhielt seit Mitte 1947 Pastor Sieg in Groß Zicker. Sie sind verschollen, doch es kann sein, daß das Zicker Pfarrhaus noch manches Geheimnis birgt. Denn der jetzige Hausherr, Herr Olav Metz, hat kürzlich in der Kirche zwei Kacheln gefunden mit einem Motiv, daß Helen Ernst für das Exlibris von Friedrich Sieg schuf. Die Kacheln, geformt von Siegs Tochter Barbara, zeigen einen Engel mit Schwert und Waage auf einem Löwen stehend. Die Waage zeigt ein Herz auf der einen und eine Flamme auf der anderen Waagschale, womöglich Symbole für Liebe und Haß; sie neigt sich deutlich zur Liebe. Die Kachel hängt jetzt würdig im Pfarrhaus Groß Zicker neben Ernst Barlachs "Geistkämpfer." (Soweit die Interpretation von Olav Metz)

In zweiter Instanz wurde Helen Ernst im Januar 1948 von allen Verdächtigungen frei gesprochen. Doch diese Rehabilitierung traf eine Todkranke, die mit einer offenen TBC ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Und sie wußte, daß die Umstände, das die Lagerkrankheit auch bei ihr ausgebrochen war, hätten vermieden werden können, wenn (Zitat) "etwas mehr Menschlichkeit von Seiten Anderer gezeigt worden wäre." (Zitat-Ende). Am 26. März 1948 starb Helen Ernst in Schwerin, sie erhielt ehrenvolle Nachrufe, die auch von einem Verlust für die deutsche Kunst sprachen. Es war ihr ausdrücklicher Wunsch, nicht in Schwerin, wo sie soviel gelitten hatte, begraben zu werden, sondern in Groß Zicker von Fritz Sieg, in dessen Familie sie sich einmal sehr wohlgefühlt hatte. Gerüchten eines früheren Gager Bürgers, daß Helen Ernst kurz vor ihrem Tode als Verwirrte auf dem Dachboden im Groß Zicker Pfarrhaus bei Maria und Fritz Sieg unterkam, muß ich energisch widersprechen. Das belegt eindeutig ein Brief von Fritz Sieg vom 27.5.1948, in dem es heißt "Ich habe die traurige Freude, daß wir zuletzt doch noch mit ihr in Verbindung gekommen sind, schade nur, daß sie nicht mehr zu uns gekommen ist." (Zitat-Ende)

Ihr letzter Wunsch wurde ihr zu ihrem 90. Geburtstag 1994 erfüllt. Dank einer privaten Initiative von dem Bildhauer Carlo Wloch, der Kunstwissenschaftlerin Frau Prof. Dr. Hannelore Gärtner und dem Göhrener Heimatfreund Uwe Weidemann wurde ihr ein Rügener Feldstein als Grabstein gesetzt. Bis heute wurde mir nicht verraten, wie das geschafft wurde.

Wie bin ich nun auf Helen Ernst gekommen? Nun, es gab so etwa 1962 als ich 25 Jahre alt war eine Begegnung der besonderer Art zwischen Helen Ernst und mir, als ich in der Galerie Moritzburg Halle ihr von Hans Grundig gemaltes Porträt zum ersten Mal sah, was mich tief berührte und seitdem nicht mehr losgelassen hat. Immer wollte ich mehr wissen, doch außer einem mageren Lebensabriß von wenigen Zeilen, bei dem nicht einmal die Lebensdaten stimmten, war wenig zu erfahren. So machte ich mich also vor 15 Jahren in ihre Spuren und auf viele Reisen. Dreh- und Angelpunkt war ihr eigener Personalbogen plus Lebenslauf, der mir 1987 vom Zentralen SED-Parteiarchiv als Kopie auf Anfrage zugeschickt worden war. Außer den schon erwähnten 12 Arbeiten, die vor 1985 in der DDR bekannt waren, konnte ich inzwischen rund 1400 Arbeiten von ihr nachweisen. Ganz wichtig waren die erst 1987, also 39 Jahre nach ihrem Tod in Schwerin entdeckten Ravensbrücker Zeichnungen. Dadurch waren bisher seit 1988 mit der jetzigen Putbusser-Ausstellung 7 neue Helen-Ernst-Ausstellungen nach 1945 möglich. Doch jede Helen-Ernst-Ausstellung muß fragmentarisch bleiben, wir haben es hier mit den Resten dessen zu tun, was die Nazis bei ihren Verhaftungen in ihrer Zerstörungswut von ihrem Werk übrig gelassen haben oder irgendwie versteckt oder ausgelagert war. In der Zeit der deutschen Besetzung war eine größere Mappe ihrer Zeichnungen in der Amsterdamer Spiegelgracht versteckt und wurden vergessen. Viele Blätter sind am Zerfallen, aber mindestens eben so viele konnten von dem besten Restaurator der Niederlande, dem Zanberer Andre von Oorth gerettet werden.

In den Niederlanden wären mindestens drei Besitzer von vielen Originalen bereit, ihre Blätter in eine deutsche Helen-Ernst-Stiftung zu geben, sprich zu verkaufen. Doch bisher regt sich da nichts, meine holländischen Freunde sind ziemlich sauer über soviel Ignoranz gegenüber einem wichtigen Teil wieder entdeckten deutschen Kulturerbes. Nicht unerwähnt lassen möchte ich, daß ich an einer Biographie, in der ich mein ganzes Wissen über Helen Ernst verarbeiten möchte, schreibe, etwa zwei Drittel sind geschafft, und das Buch soll mindestens in einem Jahr vorliegen. Für das Jahr 2004 wird für Schwerin zu ihrem 100. Geburtstag mit möglichst allen erhalten gebliebenen Originalen eine große Gesamtausstellung vorbereitet.

Helen Ernst, die französisch "Ellen" ausgesprochen werden wollte, ein Name, der auch an Hellas, ihrem Geburtsland Griechenland erinnert, Helen Ernst und die humanistische Botschaft ihres Werkes haben es verdient, nicht vergessen zu werden. Ihr gebührt ein Ehrenplatz in der Galerie der wunderbar neuen Frauen des XX. Jahrhunderts, die für ihre unangepaßt eigenen Wege einen hohen Preis bezahlt haben.

Abschließend möchte ich der Stadt Putbus und ihrem Bürgermeister, Herrn Reese, für ihr Engagement zu dieser Ausstellung, der ich in der Stadt auf der Insel einen guten Erfolg wünsche, danken. Dank gebührt auch den Herren Gerhard Zeidler und Karl Behnke sowie der Kirchengemeinde Groß Zicker mit Herrn Olav Metz für die liebevolle Pflege der letzten Ruhestätte von Helen Ernst.