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Jahresrückblick von Landrätin Kerstin Kassner

Das Jahr 2004 neigt sich dem Ende zu. Es war bereits mein drittes Jahr als Landrätin des Landkreises Rügen. Manchmal wurde ich gefragt, ob mir dieses Amt noch immer gefällt, ob ich es noch genau so gern ausübe wie zu Beginn. Ich habe die Frage stets bejaht. Sicherlich, die Probleme und Schwierigkeiten sind nicht geringer geworden. Und es war auch nie einfach, Lösungswege zu finden. Dennoch kann ich mir keinen schöneren Job vorstellen als den, den ich jetzt habe. Weil ich etwas bewirken kann und an Entwicklungen teilhabe. Ich liebe meine Arbeit und bin gewillt, mich auch künftig mit ganzer Kraft für Rügen und die Rüganer einzusetzen.

Ich bin im zurückliegenden Jahr wieder zahlreichen Menschen begegnet und habe Gespräche geführt. Für viele waren die vergangenen Wochen und Monate von Engagement und Zuversicht im Berufsleben, im Ehrenamt, in der Familie geprägt. Für andere war es eine Zeit mit persönlichen Enttäuschungen, Schicksalsschlägen und unerfüllten Hoffnungen. Gerade dann galt es, nicht aufzugeben und neuen Mut zu schöpfen.

Auszeichnungen für Inselunternehmen

Ich konnte einerseits zu schönen Erfolgen gratulieren. Beispielsweise zur Auszeichnung des Bergener Unternehmers Manfred Eggert mit dem „Oskar für den Mittelstand“. Nur wenigen Unternehmen wird diese Ehre zuteil. Manfred Eggert hat sein Unternehmen in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt aufgebaut und erweitert. Er überzeugt mit Leistung und Service und ist ein vertrauensvoller Partner für zahlreiche Kunden. Das Unternehmen ist weit über die Inselgrenzen hinaus bekannt. Das gilt auch für andere Rügener Betriebe und Einrichtungen. Nehmen wir nur das Bergener Werk der Küstenland Michunion. Der Camembert-Käse, der hier hergestellt wird, wurde unlängst für die dauerhafte hervorragende Qualität vom Landwirtschaftsministerium und der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft prämiert. Keine Frage, der hochmoderne Betrieb ist ein bedeutendes Standbein unserer Inselwirtschaft. Und auch das Travel Charme Hotel Kurhaus Binz erhielt eine wunderbare Ehrung - den „TUI-Holly“. Die Auszeichnung unterstreicht, dass das Kurhaus zu den besten und beliebtesten Hotels gehört. Die genannten Unternehmen stehen stellvertretend für viele andere, die die Entwicklung Rügens mitbestimmen. Darauf können wir zu recht stolz sein.

Hickhack um die Kleinbahn

Andererseits musste ich oft tröstende Worte finden. Für Menschen zum Beispiel, die ihren Job verloren hatten und plötzlich vor dem Nichts standen. Allein im November ist die Zahl der Arbeitslosen auf Rügen um mehr als 1.500 Personen gestiegen. Insgesamt haben fast 9.000 Menschen keine Arbeit. Das bedrückt mich sehr. Ebenso das Hickhack um unseren „Rasenden Roland“ und das damit verbundene Auf und Ab für die dort Beschäftigten. Gestern ein Lichtblick, heute kurz vor dem Aus – für die Eisenbahner war es eine Achterbahn der Gefühle. Wir alle hoffen, dass der jetzige Eigentümer die Bahn in eine sichere Zukunft lenkt und so auch den Beschäftigten die nötige Sicherheit gibt. 

Und manchmal suchte ich selbst Trost. Kurz hintereinander verlor ich, verloren die Rüganer zwei wertvolle Menschen, die die Entwicklung unserer Insel ganz wesentlich geprägt und sich unermüdlich für unsere Region eingesetzt hatten: unser ehemaliges Kreistagsmitglied Albrecht „Alex“ Kind und den früheren Verleger Dr. Hans Marquardt, dessen Wirken für immer mit dem Wachsen und Werden der Kulturstiftung Rügen verbunden sein wird. Wir werden das Andenken beider in Ehren halten. 

Rügen soll Rügen bleiben

Wenn ich das Jahr 2004 weiter Revue passieren lasse, dann überschlagen sich die Ereignisse. Zu den bedeutendsten gehören zweifellos die Wahlen zum Europäischen Parlament, zum Kreistag, zu den Stadt- und Gemeindevertretungen und der ehrenamtlichen Bürgermeister. Außerdem haben sich die Rüganer an diesem Tag für Rügen ausgesprochen! Bei einem Bürgerentscheid stimmten 27.296 Wähler mit "Ja", nur 2234 Wähler setzten ihr Kreuz bei "Nein". Somit wurde die Frage "Soll sich der Landkreis Rügen im Rahmen der Anhörung zu einer Kreisgebietsreform dafür aussprechen, dass der Landkreis Rügen eine selbständige Gebietskörperschaft bleibt ?" von 92,43 Prozent der Wähler mit "Ja" beantwortet. Ich hatte ein solches Ergebnis von den Rüganern erwartet und freue mich riesig, dass sie sich so eindeutig zu unserem Landkreis positioniert haben. Mit diesem Ergebnis wird Rügen gestärkt in die Anhörung zu dem von der Landesregierung unlängst vorgelegten Gesetzentwurf zur Verwaltungsmodernisierung, der die Bildung von Großkreisen einschließt, gehen und im Interesse der Bürger für die Selbständigkeit plädieren. Das klare Votum der Rüganer ist für mich als Landrätin Verpflichtung und Ansporn zugleich, in meinen Bemühungen um den Erhalt des Landkreises nicht nachzulassen, sondern weiter dafür engagiert zu kämpfen.

Internationalen Ruf mit B7 gefestigt

Rügen hat auch seinen internationalen Ruf weiter gefestigt. In diesem Jahr ganz speziell durch die Präsidentschaft innerhalb der „B7“-Kooperation, der neben Rügen die Inseln Gotland und Öland (Schweden), Hiiumaa und Saaremaa (Estland), Bornholm (Dänemark) und Aland (Finnland) angehören. B7 ist die internationale Interessenvertretung von rund 276.000 Einwohnern in fünf Staaten. Für Rügen war das Präsidentschaftsjahr u.a. Anlass, Einwohner und Gäste mit dem Programm der Kooperation vertraut zu machen, die Inseln vorzustellen und diverse Veranstaltungen, wie zum Beispiel ein Internationales Musikschulkonzert im Theater Putbus, einen B7-Tag am Kap Arkona, ein B7-Camp für Schüler auf Mönchgut, eine gemeinsame Konferenz zum Tourismus auf der Insel Vilm und Ausstellungen, zu organisieren. Durch die intensive Arbeit ist man auch bei der EU in Brüssel mehr denn je auf die B7 aufmerksam geworden. Das ist gut so, denn schließlich geht es um eine stärkere Unterstützung der Inseln und eine noch bessere Nutzung der Strukturfonds.

Internationale Partner waren auch auf unserer jährlichen Insel-Leistungsschau, der RÜGANA, vertreten. Das Messehighlight fand bereits zum neunten Mal in Bergen statt. Insgesamt präsentierten sich mehr als 100 Aussteller, mehrere tausend Gäste aus nah und fern besuchten die RÜGANA. Es steckt eine Menge Arbeit in den Vorbereitungen. Viele „Macher“ kümmern sich neben ihrer eigentlichen Tätigkeit um die Leistungsschau. Das verdient nicht nur Dank und Anerkennung, sondern auch mehr Unterstützung. Wir sind dabei, Anregungen, Ideen und Hinweise zu sammeln, um das Konzept der RÜGANA  weiter zu verbessern. Jeder, der einen guten Vorschlag hat oder sich anderweitig einbringen möchte, kann sich gern an mich oder meine Mitarbeiter wenden. Unser Ziel ist es, die schöne Traditionsveranstaltung RÜGANA auf Dauer zu erhalten und attraktiv zu gestalten.

Rügen wird Gesundheitsinsel

Rügen wird künftig nicht nur im Tourismus zu den Topadressen im Lande gehören, sondern auch im Gesundheitsbereich! Nach gründlicher Vorbereitung wurde in diesem Jahr der Verein „Gesundheitsinsel Rügen“ gegründet. Er hat sich die enge Kooperation und Vernetzung aller Partner im Gesundheitswesen auf die Fahnen geschrieben. Auf dieser Grundlage sollen die qualitätsgerechte medizinische Versorgung und der Gesundheitstourismus weiter gestärkt werden. Rügen bildet dabei ein Modellprojekt für das Land Mecklenburg-Vorpommern. Die einzelnen Sektoren, wie zum Beispiel die ambulante Versorgung, die stationäre Betreuung und der Reha-Bereich, werden zusammengeführt. Das ist ein zukunftsfähiger Weg ist.

Bundesweit gab es unzählige Diskussionen und Unmutsbekundungen im Zusammenhang mit der Realisierung von „Hartz IV“. Rügen bildete da keine Ausnahme, auch hier gingen Menschen auf die Straße. Ich habe vollstes Verständnis dafür, denn diese Reform ist ein Schnellschuss und unsozial. Dennoch galt es, persönliche Befindlichkeiten zurück zu stellen, als wir uns im Sommer mit dieser Problematik zu beschäftigen hatten. Der Kreistag sprach sich dafür aus, eine Arbeitsgemeinschaft von Agentur für Arbeit und Landkreis zu bilden, die „Hartz IV“ auf Rügen umsetzt. Inzwischen ist diese ARGE gegründet worden. Ab Januar 2005 wird sie etwa 10.000 Rüganer betreuen. Der Landkreis hat in den Jahren zuvor nachgewiesen, dass er über große Kompetenz bei der Beratung, Betreuung und Vermittlung von Langzeitarbeitslosen verfügt. Diese Erfahrungen wird er in die gemeinsame Arbeit mit einbringen.

2. Strelasundquerung nimmt Gestalt an

Ein Meilenstein bei der Ausgestaltung der Verkehrsinfrastruktur war die 1. Bohrpfahlgründung für die zweite Strelasundquerung. Dieses Brückenbauwerk ist für Deutschlands größte Insel von enormer Bedeutung. Mit der neuen Verbindung zum Festland wird Rügen künftig zügig und komfortabel erreichbar sein. Die langen Staus, die gerade während der Saison oft auftreten, gehören dann der Vergangenheit an. Die gute Erreichbarkeit wird der ohnehin schon positiven Entwicklung des Tourismus noch weiteren Auftrieb geben. Gleichzeitig trägt die zweite Strelasundquerung dazu bei, den Wirtschaftsstandort Rügen auch in anderen Bereichen interessanter zu machen. Mit dem Fährhafen Sassnitz-Mukran verfügt Rügen über den größten Eisenbahn-Fährhafen Deutschland mit Linien  nach Skandinavien und ins Baltikum. Mit der neuen Anbindung werden sich die Transportzeiten wesentlich verkürzen.

Es ließe sich noch vieles aufzählen, was uns in den zurückliegenden Monaten bewegt hat. Zum Beispiel, dass unsere Förderschüler nach langer Odyssee durch zahlreiche Gebäude endlich alle unter einem Dach und unter guten Bedingungen in der Schule Rotensee lernen können, dass das Postament für die Preußensäule in Groß Stresow dank der großzügigen Unterstützung durch die Sparkasse und eines Rügenliebhabers aus Herford, Herrn Dr. Mitzscherlich, errichtet werden konnte, dass das Theater Putbus mit seinem abwechslungsreichem Programm erneut ein großer Publikumsmagnet bei Rüganern und Gästen war, dass Rüganer Jugendliche Initiatoren und Gastgeber für die Gründung eines internationalen Jugendparlaments im Rahmen der „Vier Ecken“ – Zusammenarbeit waren und, und, und ...

Erfolgreiches Miteinander von Politik und Verwaltung

Ich hoffe, dass  es uns gelingt, die Entwicklung Rügens auch im kommenden Jahr voran zu bringen. Und ich würde mich freuen, wenn das erfolgreiche Miteinander von Politik und Verwaltung fortgesetzt wird. Dank der sehr guten gemeinsamen Vorbereitung ist es uns zum Beispiel gelungen, den Kreishaushalt 2005 noch vor Jahresfrist zu beschließen und so eine solide Basis für die Arbeit im kommenden Jahr zu schaffen.

Ich wünsche allen Rüganerinnen und Rüganern ein friedliches und besinnliches Weihnachtsfest, ein erfolgreiches neues Jahr sowie alles Gute, Gesundheit und viel Glück.

Kerstin Kassner

    20. Dezember 2004

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